Hedwig Dohm (1831-1919) - Gesamtausgabe und Veranstaltungen


Zur Biografie von Hedwig Dohm

Die Biografie von Hedwig Dohm stellt auch heute noch ein nicht zu unterschätzendes Problemfeld: Im Zuge der Wiederentdeckung Dohms wurden ihre Romane, insbesondere "Schicksale einer Seele", in erschreckendem Ausmaß autobiografisch gelesen, wodurch sich nicht nur Dohms Geburtsdatum verschob, sondern sich auch hartnäckige Vorurteile und Fehlinformationen ergaben - die literarische und ästhetische Qualität der Texte aber geriet erst gar nicht ins Blickfeld der Forschung.


Hedwig Dohm kommt am 20. September 1831 als Marianne Adelaide Hedwig Jülich zur Welt. Sie ist das dritte Kind und die älteste Tochter des Tabakfabrikanten Gustav Adolph Schlesinger und Wilhelmine Henriette Jülich. Ihre Eltern heiraten erst 1838, nach der Geburt ihres 10. von insgesamt 18 Kindern.
Nach der Eheschließung werden die vorher geborenen vom Vater explizit anerkannt und tragen von da an den Namen Schlesinger. Hedwig hat zehn Brüder und sieben Schwestern, wobei zwei ihrer Geschwister noch im Kindesalter sterben.

 

  Hedwig Dohms Eltern

Alle Äußerungen Dohms über ihre Kindheit weisen darauf hin, dass diese nicht eben glücklich war. Hedwig Dohm hat Zeit ihres Lebens darunter gelitten, dass ihr nicht die gleichen Bildungsmöglichkeiten offenstanden wie ihren Brüdern. In ihrer Mädchenschule fühlte sie sich hoffnungslos unterfordert. Diese fehlende Schulbildung wurde für sie zu einem Manko, das sie bis ins hohe Alter bemüht war, zu überwinden, und das sie sicherlich motivierte, sich für eine besssere Ausbildungssituation für Mädchen und Frauen und den uneingeschränkten Zugang zu sämtlichen Studienfächern und Berufen einzusetzen.
In ihrem Essayband "Die wissenschaftliche Emancipation der Frau" von 1874 findet Dohm für die ungleichen Chancen von Mädchen und Jungen ein treffendes Bild:

"Denken Sie sich, Herr von Bischof, unser Friedrich Schiller wäre in seiner Feldscheer-Familie als kleine Friederike zur Welt gekommen. Was würde wohl Großes in der kleinen Mädchenschule zu Marbach aus dieser Friederike geworden sein? Ich kann es mir lebhaft vorstellen! Schillers Riekchen hätte in der Schule beim schläfrigen Lese- oder Rechen-Unterricht, anstatt aufzupassen, ihre Bücher mit Versen beschmiert, und ahnungslos würde der Lehrer die sapphoschen Kleckse mit Fingerklopfen gestraft haben.
Riekchen hätte man oft unter einem Lindenbaum gefunden - träumend.
Riekchen hätte frühzeitig ihren guten Ruf verloren wegen verprudelter Handarbeiten und Ungeschicklichkeiten beim Aalschlachten. Ihr wäre auch kein Mann zu Teil geworden; denn der Verdacht zukünfitger Blaustrümpfigkeit häte jeden soliden Marbacher abgeschreckt. Riekchen wäre führzeitig gestorben - an einem Herzfehler.
Keine Nachwelt würde, O Riekchen, deinen Namen nennen; und dennoch, so gut Raphael (nach Lessing, auch ohne Hände geboren der größte Maler aller Zeiten gewesen wäre, ebenso gut wärst auch du die größte Dichterin Deutschlands gewesen, wenn auch ungedruckt." (Dohm 1874, S. 42f.)

Die schlechte Schulbildung Dohms darf aber nicht darüber hinwegtäuschen , dass sie eine geniale Autodidaktin war. Dies beweist allein schon ihre erste größere Publikation: eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Spanischen Literaturgeschichte.

1851 lässt Hedwigs Familie den jüdisch klingenden Namen "Schlesinger" in "Schleh" ändern. Ihr Vater ist bereits 1817 zum Christentum konvertiert.
Außerdem besucht Hedwig in dieser Zeit für ein Jahr das Lehrerinnenseminar. Es folgt ein halbjähriger Aufenthalt bei ihrem ältesten Bruder Gustav Adolf Herrmann in Spanien. Im Zuge der Vorbereitungen der Reise lernt sie ihren späteren Ehemann Ernst Dohm kennen, der ihr als Hauslehrer die Grundzüge des Spanischen beibringt.

Am 21. März 1853 heiratet sie Wilhelm Friedrich Ernst Dohm, der als leitender Redakteur beim Satireblatt "Kladderadatsch" arbeitet. Er wurde am 24.5.1819 in Breslau als Eias Levy geboren, Sohn von David Marcus Levy und Rosalie Lichtenstädt. Seine Familie konvertierte 1828 zum evangelischen Glauben und nahme den Namen Dohm an.

1854 Geburt des Sohnes Hans Ernst. Er stirbt bereits 1866 an Scharlach.

1855 Geburt der Tochter Gertrud Hedwig Anna, genannt "Hedel", die spätere Hedwig Pringsheim-Dohm: Mutter von Katia Mann, Schwiegermutter von Thomas Mann.

1856 Geburt der Tochter Ida Marie Elsbeth, genannt "Else", später Else Rosenberg.

1858 Geburt der Tochter Marie Pauline Adelheid, genannt "Mieze", später Maria Gagliardi.

1859/1860 Geburt der Tochter Eva, später Eva Klein (Gattin des Bildhauers Max Klein), dann Eva Bondi (Gattin des George-Verlegers Georg Bondi).

Durch ihren Mann kommt Hedwig Dohm in Kontakt mit der geistigen Elite der Berliner Gesellschaft, die Liste der Persönlichkeiten, die bei den Dohms verkehren ist lang und beeindruckend, das Dohmsche Haus wird ein beliebter und bekannter Salon: Ferdinand Lassalle und die Gräfin Hatzfeld sind genauso zu Besuch wie Alexander von Humboldt, Franz Liszt, Theodor Fontane, Fanny Lewald und Adolf Stahr, Varnhagen von Ense und seine Nichte Ludmilla Assing, Ludwig Pietsch, Fritz Reuter, Lily Braun und das Verleger-Ehepaar Lina und Franz Duncker.

Über die Ehe der Dohms wurde und wird in der Forschungsliteratur viel spekuliert. Vieles davon gründet allerdings in der allzu autobiografischen Lesart von Dohms Roman "Schicksale einer Seele". Fakt ist, dass sich Hedwig Dohm selber nie über ihre Ehe geäußert hat und sich dezidiert davon distanziert, dass die Ehe ihrer Roman-Figur Marlene Bucher mit ihrer eigenen Ehe in Verbindung zu bringen ist.


Hedwig Dohm beginnt ihre Publikationstätigkeit mit einigen Märchen in einer Kinderzeitschrift. 1867 erscheint ihr erstes selbständiges Werk über die Spanische Nationalliteratur. Von 1872 bis 1879 erscheinen ihre ersten vier feministischen Essaybände ("Was Pastoren von den Frauen denken", "Der Jesuitismus im Hausstande", "Die wissenschaftliche Emancipation der Frau" und "Der Frauen Natur und Recht"): Schon der erste macht sie mit einem Schlag bekannt. Außerdem schreibt sie mehrere Lustspiele, die in Berlin mit Erfolg aufgeführt werden, und gibt Gedichtanthologien heraus.

Nach dem Tod ihres Mannes, 1883, zieht sie nach einiger Zeit in eine Wohnung in der Villa ihrer Tochter Else und ihres Ehemannes Hermann Rosenberg in die Tiergartenstraße. In ihrer Lebensführung bleibt sie von den Rosenbergs dadurch unabhängig, unternimmt Reisen, macht Kuren, verbringt die Sommermonate im Grunewald oder am Wannsee. Montags hält sie weiter ihren "Jour" ab, lädt Gäste zum Tee und pflegt ihre Kontakte zu den führenden Persönlichkeiten der organisierten Frauenbewegung.
An dieser organisierten Frauenbewegung nimmt sie auch aktiv Teil - auch wenn in der Forschungsliteratur (viel zu) oft zu lesen ist, Dohm hätte sich dieser etwa aus "Schüchternheit" nicht angeschlossen. Behauptungen wie diese sind geradezu lächerlich angesichts der intellektuellen Kreise, in denen Dohm verkehrte, und der öffentlichen Kritik, der sich Dohm immer wieder und mit provokantesten Schriften stellte. Sie hatte in den ersten ein, zwei Jahrzehnten als Autorin schlicht kein öffentliches Forum, auf dem sie "in persona" hätte auftreten können - und ihre Schriften stießen in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts bei einer sehr auf Anerkennung bedachten bürgerlichen Frauenbewegung ebenfalls auf wenig Unterstützung: Dohm war ihnen zu radikal.
Erst als der radikale Flügel der Frauenbewegung erstarkt findet Dohm die Schwestern im Geiste, denen sie sich anschließen kann - und das tut sie auch. Eine Liste der Vereine und Organisationen, denen sich Dohm angeschlossen hat, findet sich in der Einleitung zu "Hedwig Dohm - Ausgewählte Texte".


Mit dem Erstarken der Radikalen nimmt auch Dohms Publikationstätigkeit schlagartig zu: Sie veröffentlicht über 90 Artikel, Essays und Feuilletons, überwiegend in neu gegründeten, politisch progressiven oder feministisch radikalen Zeitschriften wie Minna Cauers "Die Frauenbewegung", Maximilian Hardens "Die Zukunft", Blochs "Sozialistische Monatshefte", aber auch in Medien wie "Bühne und Welt", in Literaturzeitschriften und Tageszeitungen. Später überarbeitet sie viele dieser Artikel noch einmal für Sammelbände wie "Die Antifeministen" und "Die Mütter". Die Bandbreite ihrer Publikationen spiegelt dabei die Bandbreite ihres Engagements, das bis zu ihrem Tod am 1.Juni 1919 ungemindert bleibt.

Dohm Grab befindet sich auf dem Alten Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg. Seit dem 22. September 2007 schmückt nun auch endlich ein Gedenkstein ihr Grab, den die Künstlerin Ulrike Oeter im Auftrag des Journalistinnenbundes realisiert hat.



Mehr Infos zu Dohms Biografie:

Isabel Rohner: Spuren ins Jetzt - Hedwig Dohm, eine Biografie. Sulzbach im Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2010.