Das Leben von Hedwig Dohm
Eine prägnante feministische Stimme
Hedwig Dohm war eine der prägnantesten feministischen Stimmen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Ihre Forderungen nach völliger rechtlicher, sozialer und ökonomischer Gleichberechtigung von Männern und Frauen sind bis heute hoch aktuell – und nirgendwo umgesetzt.

Kindheit und Jugend
Mangelnde Bildungschancen für Mädchen als Motor
Geboren am 20. September 1831 in Berlin als Marianne Adelaide Hedwig Jülich, wuchs Hedwig Dohm in einem kinderreichen bürgerlichen Haushalt auf: Sie hatte 17 Geschwister. Als älteste Tochter musste sie dabei in besonderem Maß im Haushalt mitarbeiten. So war denn auch ihre Schulbildung mit 14 Jahren zu Ende. Es gelang ihr zwar, ihren Eltern eine der wenigen Ausbildungen abzutrotzen, die damals ledigen Frauen offenstanden. Doch auch über ihr eines Jahr in einem Lehrerseminar schrieb sie später, diese Ausbildung habe mehr „einem Flügelknicken“ geglichen.
Die mangelnden Bildungschancen für Mädchen prägten sie tief und wurden zum Motor ihres lebenslangen Engagements für gleiche Bildungsrechte.
In Die wissenschaftliche Emancipation der Frau (1874) formulierte sie ihr berühmtes Gleichnis über die „kleine Friederike“ Schiller:
Denken Sie sich, Herr von Bischof, unser Friedrich Schiller wäre in seiner Feldscheer-Familie als kleine Friederike zur Welt gekommen… Keine Nachwelt würde, O Riekchen, deinen Namen nennen; und dennoch […] wärst auch du die größte Dichterin Deutschlands gewesen, wenn auch ungedruckt.
Hedwig Dohm, 1902Heirat und erste veröffentlichung
Dohm bildet sich autodidaktisch
1853 heiratete sie den Journalisten Wilhelm Friedrich Ernst Dohm. Das Paar hatte fünf Kinder. Ihr Haus wurde zu einem lebendigen Salon, in dem Persönlichkeiten wie Alexander von Humboldt, Theodor Fontane oder Fanny Lewald verkehrten.
In diesem Umfeld begann Hedwig Dohm, ihre fehlende Bildung akribisch autodidaktisch aufzuarbeiten.
Wie talentiert sie dabei war, zeigt ihre erste Veröffentlichung: eine 600 Seiten starke Abhandlung über die spanische Literaturgeschichte. Heute wissen wir: auf dem damaligen Stand der Wissenschaft.


erste essaybände
Frauen sind Menschen
Zwischen 1872 und 1879 erschienen Dohms erste feministische Essaybände, darunter Was Pastoren von den Frauen denken und Der Frauen Natur und Recht, die sie schlagartig bekannt machten. In diesen Texten forderte sie sämtliche Rechte von Männern auch für Frauen, inkl. das Wahlrecht, das Recht zur freien Berufswahl und das Recht auf ein selbstbestimmtes, ökonomisch unabhängiges Leben. Ihre Begründung: Diese Rechte stehen Frauen zu, weil Frauen Menschen sind.
Ihre Positionen galten als radikal und fanden zunächst wenig Unterstützung in der bürgerlichen Frauenbewegung. Kein Wunder: Seit den 1850er Jahren galt das preußische Vereinsrecht – für Frauenorganisationen de facto ein Verbot, sich politisch zu äußern. Hätten sie sich Dohms Forderungen zu eigen gemacht, die Frauenvereine wären verboten worden.
Pionierin der frauenbewegung
Bis ins hohe Alter publizistisch aktiv
Erst ab den 1890er Jahren erstarkte ein radikaler Flügel in der bürgerlichen Frauenbewegung, dem sich Dohm anschließen konnte und deren Mitglieder wiederum Dohm als ihre Pionierin erkannten.
Hedwig Dohm publizierte ab dann über 90 Artikel, Essays und Feuilletons in progressiven Zeitschriften wie Die Frauenbewegung, Die Zukunft oder den Sozialistischen Monatsheften. Ihre Themen reichten vom Wahlrecht über Mutterschaft bis zu scharfen Analysen antifeministischer Diskurse. Zudem veröffentlichte sie mehrere Romane und Theaterstücke und war als innovative politische Autorin im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt.
Hedwig Dohm blieb bis ins hohe Alter publizistisch aktiv. Sie starb am 1. Juni 1919 in Berlin.
Ihr Grab auf dem Alten Matthäus-Friedhof trägt seit 2007 einen Gedenkstein der Künstlerin Ulrike Oeter. Dank dem Engagement von Dohm-Biografin Isabel Rohner und dem Journalistinnenbund ist das Grab seit 2019 ein offizielles Ehrengrab des Landes Berlin.


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Isabel Rohner
Spuren ins Jetzt
Hedwig Dohm – eine Biografie